Ein Essay zur Sylter Ferienwohnungsdebatte – und zu einem kleinen Wort mit großer Wirkung.
Zwei Buchstaben tragen auf Sylt zurzeit die ganze Last der Debatte: „wir“. Die Sylter Unternehmer sagen es, wenn sie vor dem wirtschaftlichen Abstieg warnen. „Merret reicht’s“ sagt es, wenn sie mehr Dauerwohnraum fordert. Beide meinen: die Insel, die Sylter, das Ganze. Und beide meinen am Ende doch vor allem: sich.
Dabei begann alles als Sachfrage. Wie viele der rund 9.500 Ferienwohnungen sind rechtlich sauber? Was passiert mit den Betten in den Kellern? Wie entsteht Wohnraum für die Menschen, die diese Insel am Laufen halten? Inzwischen tauschen beide Seiten offene Briefe darüber aus, wer anonym schreibt, wer welches Vermögen angehäuft hat und wer überhaupt das Recht hat, den Mund aufzumachen. Das Thema hat den Raum verlassen, der Streit ist geblieben.
Die Gerechtigkeit verlangt, beiden ihr Recht zu geben. Die Unternehmer stehen mit Namen, Gesichtern und gewähltem Vorstand in der Öffentlichkeit – Ole König hält die Nase in den Wind und kassiert dafür Sturm, das verdient Respekt, unabhängig davon, was man von seinen Thesen hält. Die Initiative wiederum trifft mit ihrer Kritik einen Nerv, bleibt aber die Antwort schuldig, wer sie eigentlich ist: Wer schreibt, wer entscheidet, wer wird vertreten? Und die Gerechtigkeit verlangt auch den zweiten Blick: 630 Betriebe sind, an der Inselbevölkerung gemessen, eine kleine Minderheit. Ein „wir Sylter“ lässt sich daraus ebenso wenig ableiten wie aus einer Facebook-Seite mit anonymer Redaktion.
Bleibt die Sache selbst, und da wird es unbequem für alle. Der beschworene Untergang durch wegfallende Betten ist nicht belegt – die Stilllegungen liegen im Promillebereich, die Steuerausfälle speisen sich erkennbar auch aus dem eingebrochenen Immobiliengeschäft, und die versprochenen Gutachten sind nie erschienen. Die Hoffnung der Gegenseite trägt aber genauso wenig: Aus einer gestrichenen Ferienwohnung wird keine Dauerwohnung, solange die Finanzierung auf Ferienerträge gebaut ist. Die Dauermiete zahlt den Kredit nicht. Was entsteht, ist Leerstand mit Meerblick – und keine einzige Wohnung für die Krankenschwester aus der Nordseeklinik.
So sägen beide Lager öffentlich am Ast des jeweils anderen und gelegentlich am eigenen. Ob das Mut ist oder die Gelassenheit derer, deren Schäfchen längst im Trockenen stehen, mag jeder für sich beurteilen. Der Insel hilft beides nicht.
Am 13. Juli, 19 Uhr, tagt der Bauausschuss im Westerländer Rathaus – öffentlich. Dort sitzt das einzige „wir“ mit echtem Mandat: gewählt, abwählbar, verantwortlich. Alle anderen, Verbände wie Initiativen, sind Stimmen. Wichtige Stimmen, gern laute Stimmen. Aber eben Stimmen unter vielen. Vielleicht wäre das der Anfang von Besserung: weniger „wir“, mehr „ich“. Ich heiße so, ich will das, es kostet dies, und bezahlen würde es der. Der Rest ist Sommertheater – und davon gab es auf dieser Insel in diesem Jahr wirklich schon genug.
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