Schlagwort-Archiv: Dünenpark

Sylt aktuell: Die Kröte von List – was vom Dünenpark-Versprechen übrig bleibt

Ein Essay zur Mietdebatte im Dünenpark List.

Beim Spatenstich für den Dünenpark List flossen Tränen der Rührung: günstiger Dauerwohnraum für rund 600 Insulaner, mitten auf Sylt, 10,50 Euro Kaltmiete – ein Versprechen wie ein Sonnenaufgang. Seit dem 9. Juli steht eine andere Zahl im Raum: 16 Euro, beschlossen von der Lister Gemeindevertretung für die Häuser Schwester 1 und 2. Mit Nebenkosten mehr als 20. Und die Insel streitet, ob hier ein Wort gebrochen oder ein Projekt gerettet wurde.

Das Versprechen hatte einen Motor – und der stottert

Die 10,50 Euro waren nie ein Geschenk, sondern eine Rechnung: Der Verkauf von rund 60 Ferienhäusern und 90 Eigentumswohnungen sollte die günstigen Mieten quersubventionieren. „Bencksche Kröte“ nannte man das – man schluckt die Ferienhäuser, dafür wohnen die Insulaner bezahlbar. Kalkuliert wurde 2020/21, als Geld nichts kostete und Ferienimmobilien auf Sylt gekauft wurden wie Brötchen. Dann stiegen die Baukosten um ein Drittel, die Zinsen vervielfachten sich, der Markt kippte. Die Kröte liegt seitdem schwer im Magen – aber das Geld, das sie bringen sollte, kam nie an.

Nun wird dem Entwickler BIG BAU Böswilligkeit unterstellt: geködert und ausgepresst. Nur sitzt dieser Entwickler selbst auf unverkauften Millionenwerten und monatlichen Zinsen – wer so plant, plant schlecht, aber nicht böse. Anderswo in Deutschland stehen die Zwillinge dieses Projekts als Bauruinen in der Landschaft oder vor Gericht. In List brennt abends Licht in den Fenstern.

Was bleibt: eine Schuld mit Gedächtnis

Die Kritiker behalten trotzdem recht, wo es wehtut: Über 20 Euro warm sind kein „bezahlbarer Wohnraum“ mehr, egal wie nachvollziehbar die Gründe sind. Und dass die Vertragsänderungen weitgehend ohne öffentliche Debatte blieben, ist ein Versäumnis, das Vertrauen gekostet hat – ausgerechnet das Kapital, von dem solche Projekte leben. Deshalb gilt ab jetzt: Wenn die Ferienhäuser sich wieder verkaufen, muss die Miete den Rückweg antreten. Wer in der Not erhöht, schuldet in besseren Zeiten die Senkung.

Die Gemeindevertretung hat sich zwischen einem beschädigten Versprechen und einem gescheiterten Projekt für das beschädigte Versprechen entschieden. Es war die verantwortliche Wahl, nicht die schöne. Manchmal ist eine geplatzte Zusage kein Betrug – sondern nur der Preis dafür, dass am Ende überhaupt jemand wohnt.


Söl. Ich. Ein Geständnis – das Buch, in dem Sylt selbst erzählt. Von Alexander Lenz, Cover von Lotte Dänner, Fotos u. a. von Nick Bosch. Über 100 Orte, 248 Seiten, DIN A5, Söl Verlag, 24,90 Euro. Erhältlich bei Abbys (Rantum), Modis (Kampen), AFJ (Keitum), am Kiosk an der Autoverladung – und online:
Jetzt bestellen: sylt1shop.de

Mehr Sylt-News auf Sylt1 TV · sylttv.de · sylt-tv.de · sylt-stories.de · sylter-fernsehen.de · Sylt1 bei Facebook